Faszination Spitzbergen – Der Versuch einer Durchquerung

Expeditionen

Svalbard, im Norden von Norwegen liegt eine kleine Inselgruppe in Mitten der Arktis. Sich dieser Herausforderung zu stellen ist schon lange ein Traum von mir gewesen. Diese Aufgabe kann man auf vielerlei Weisen begegnen und jeder der mich kennt weiß ich werde nicht die bequemste nehmen. Jeder der dazu noch meine Freundin Rebecca kennt, weiß wo ihre Definition von bequem endet, meine schon länger vorbei ist. So planen meine Freundin und ich in den letzten Monaten unsere Spitzbergenreise. Grundbedingung für unser Vorhaben war das ein Teil unserer Hunde mit kommt, wir keinen externen Guide buchen oder uns einer anderen Gruppe anschließen würden. Ach ja und das wir für mehrere Tage am Stück unterwegs sein wollten und zwar im Zelt, ist denke ich selbsterklärend.



Mit den Ansprüchen klettert das Gewicht gerne mal auf über 30 kg im Rucksack.
Jeder Dogtrekker wird sich jetzt vor lachen in die Hose machen, aber hier ist die Welt eine andere. Man ist verpflichtet eine Waffe mit sich zu führen, ein Satellitentelefon , sowie Notsender und es empfiehlt sich eine Signalpistole dabei zu haben. Das Essen für 10 Tage + Hundefutter für die Oldie – Damen. Die Jungs trugen ihren Teil selbst. Im Vorfeld wurde alles gewogen und in Excel errechnet. Wir kamen auf knapp über 65 kg Equipment, Nahrung und Hundefutter.

Die Preise in Longyearbyn sind gewöhnungsbedürftig. Um es konkret zu machen, ca. doppelt wie in Schweden und damit mehr als doppelt so teuer wie in Deutschland. ganz zu schweigen von den Kosten für das Ausleihen der Waffe. Das Norwegische Waffengesetz ist soweit eingeschränkt das es nur zwei Geschäfte gibt, die Waffen verleihen und Mondpreise. Für das Geld hätte man sich locker eine kaufen können, aber das war mir leider noch nicht gestattet.

Nun aber zur Tour, nachdem wir Hundefutter und ein Satellitentelefon organisierten ging es weiter der Schotterstraße entlang in Richtung Osten. Unsere Idee war es bis zur Ostküste Spitzbergens vorzudringen und dann auf einer andern Route zurückzukehren. Wobei es sich dabei nur um eine Idee handelte und wir aufgrund mangelnder Ortskenntnis alles offen hielten. Die Riemen der Rucksäcke schnitten sich in unsere Schultern, wir mussten jeden Kilometer anhalten um unsere Rücken zu entlasten. Es hatte nichts mit Freude zu tun es war einfach scheiße schwer. Wir kämpften uns bis zum Ende der Straße vor. Dort ging es dann ins weglose Gelände, der weiche Untergrund ließ uns immer immer ein paar Zentimeter einsinken und erschwerte das Gehen. 

Unser Zeltcamp am Fuße einer der für Spitzbergen typisch geformten Berge.

Nicht weit kamen wir nachdem wir die Straße verließen die Rucksäcke waren einfach zu schwer und alles zu anstrengend. Wir entschlossen uns den Tag mit einer warmen Mahlzeit Pasta mit Tomaten- / Paprikacreme zu beenden. Die Rentiere hier oben wirkten kleiner und gedrungener als ihre schwedischen Artgenossen, sind aber deswegen nicht weniger dumm. Sie folgen einem und drehen Kreise um uns wie die Rentiere in Lappland auch. Die Nacht verlief recht ruhig, Taiga schlug zwei mal an und weckte uns. Ein kurzer Check draußen gab Entwarnung, es waren wie vermutet Rentiere, die uns entdeckt hatten und ihre Runden drehten. Die Matratze war super weich und wir schliefen wie die Murmeltiere bis in den nächsten Morgen hinein. Das Frühstück bestand aus Müsli und Brot. Rebecca weigerte sich Müsli zu essen, Ihren Angaben zu folge erinnert die Konsistenz eher an etwas anderes als an etwas was man essen kann. Wir einigten uns darauf das wir für Sie nur Brot mit Aufstrich mitnahmen und meine Morgenmahlzeit aus beidem bestand. Nur Müsli zu essen wäre an sich kein Problem für mich, allerdings nicht, wenn ich jemanden neben mir sitzen hab der genüsslich sein Brot kredenzte. Brot hahaha, da reist man ca. 1300 Kilometer an den Nordpol heran und um dann im Zelt festzustellen das, dass Brot zum Frühstück aus der selben deutschen Region kommt wie ich selbst. Ostwestfalen (Brot aus Gütersloh nicht zu glauben).

Wir querten die ersten Gletscherflüsse, die sich im großen Adventdalen sammelten und sich zu einem großen mächtigen Strom zusammenschlossen. Immer wieder stoppten wir um unsere Rucksäcke auf den Hikingstöcken abzustützen. Die unsäglichen Rucksäcke machten es nicht einfacher die Bäche zu durchwaten. Diese konnten sich je nach Wetter in wenigen Stunden zu reißenden Flüssen verwandeln und unpassierbar werden. Nach unserer Mittagspause stiegen wir eine Böschung hinunter und suchten die beste Stelle um zu queeren. Das klappte auch auf anhieb und eine weitere Querung gelang uns auf anhieb. Als wie aber ein paar hundert Meter weiter an  einem schnellen Strom mit größeren Wassermengen standen verhärtete sich die Situation ein wenig. Ich fand eine gute Stelle, dachte ich zumindest. Langsam tastete mich vor und nachdem ich erfolgreich das andere Ufer erreichte positionierte ich meine Kamera um unsere Manöver festzuhalten. Die Stelle an der wir den Fluss kreuzen wollten splittete sich in drei Arme auf, sodass sich die Wassermengen ein wenig verteilten. Rebecca folgte mir mit Momo und Kira. Die etwas kleine Hündin hatte mehr zu kämpfen als ihre Kumpanen, einfach weil sie viel früher anfangen musste zu schwimmen wie die anderen drei Hunde. Rebecca durchschritt mit zielstrebigen Schritten den ersten Teil, wobei ihre Hunde ihr  folgten und von den Massen des Flusses erfasst wurden. Die beiden hielten sich an der Wasseroberfläche und Rebecca zog sie über die Leinen an den Geschirren zu sich. Eine kleine Unaufmerksamkeit im mittleren Abschnitt ließ Sie ausrutschen und mit Sack und Pack im Wasser landen. bevor ich meinem Schatz zu Hilfe eilen konnte stand sie allerdings schon wieder und weiter ging es. 

 Zwei Krähen versuchen dem Rentier die Augen auszustechen, damit es Blind wir, sich dann nicht mehr orientieren kann und letzten Endes stirbt, damit für sie Nahrung gibt. Wie es ausgegangen ist wissen wir nicht.

Nach und nach ließen wir die Spuren der Zivilisation hinter uns, die letzten Hütten die näher an Longyearbyn gelegen waren verschwanden hinter uns das große lange Tal mündete in zwei Arme. Den Nördlichen nahmen wir, jedoch bevor wir richtig darin verschwanden bogen wir nach Osten ab in ein kleines, schmales unübersichtliches Tal. Es hatte etwas ganz besonderes an sich, es strotze vor grün und der kleine Fluss der sich hier entlang schlängelte hatte einen ganz andern Scharm als all die anderen bisher. Hier irgendwo dazwischen das Zelt aufschlagen in mitten diesem Paradies, konnte nur ein Traum sein in dem ich war. “Nein, Nein” die schmerzen im Rücken erinnerten mich daran das es keiner war. Die Felsformationen mit dem grün bedeckten Ansatz von Gras und Moos erinnerten eher an “Game of Thrones” als an etwas die Wirklichkeit. Immer wieder verfalle ich für einige wenige Minuten ins Träumen und ins einfach nur überwältigt sein von dieser Schönheit auf unseren Planeten. Nur die immer wiederkehrenden Schmerzen im Rücken und das ruckartige Anreißen der Hunde wenn eines der Rentiere zu nah kam holte mich in die Realität zurück.

Ein geeigneter Zeltplatz schien uns nur auf einen der angrenzenden Hügel zu sein, von dem unserer Bodyguard Taiga einen Überblick über die Gesamtsituation hatte. So quälten wir uns ein paar Meter hinauf und schlugen unser Ultra leicht Zelt auf.

Es gibt im Leben eines Hikers zwei besondere Momente einen schönen und einen hässlichen.

Bevor ihr weiter lest überlegt bitte kurz für euch selber.

Okey, ich wert es euch verraten und zwar fange ich mit dem hässlichen an, der ist Morgens wenn man aus seinen trockenen warmen Zeltsocken raus muss und in die nassen Strumpfe und oder Schuhe wieder rein muss. Der schöne ergibt sich fast von selbst, der ist Abends, wenn man seine nassen Socken und Schuhe auszieht und die trockenen Socken fürs Zelt anzieht.

Jaja, wird sich jetzt der ein oder andere denken, wie schön und einfach ist das doch mit Trailrunners, die unterwegs trocknen. Vergiss den Gedanken!!! Der schwere Rucksack in Kombination mit den Flussquerungen geben einem nicht genügend halt und Steigeisen die man mitführen sollte kann man damit auch nicht nutzen. Spitzbergen sind leider nicht die Alpen. Wenn du einen Weg planst, heißt das noch lange nicht, das Mutter Natur dich da auch entlang lässt. 

Nach einem steilem steinigen Abstieg an einem trüben verregneten Tag.

So nach und nach hatten wir das Gefühl das sich die Rucksäcke auch mal länger als eine halbe Stunde tragen ließen ohne das man sie abstellen musste. Am Fuße eines Gletschers auf den Moränen sollte sich laut unseren Plan unserer Weg er ebnen. So zumindest unsere Vorstellung. Die sich aber schneller in Luft auflöste als wir gucken konnten. Die Moränen hier waren so nass und mit Schlamm durchtränkt das es wirklich gefährlich erschien es dort zu versuchen. Nach einem kurzen Austausch über die Situation entschieden wir uns es über die Flanke zu versuchen auf den Gletscher zu gelangen. Eine Brücke führte den reißenden Strom, aber jetzt keine von Menschen kreierte, sondern eine aus Eis und Geröll. Während Rebecca noch ihre bedenken hatte schritt ich schon voraus und stand mit beiden Beinen auf dem Eis des Gletschers. Rebecca folge mir.

Taiga hatte alles im Griff und passte gut auf uns auf. Nichts desto trotz lag die Waffe immer geladen und gesichert neben mir. Auch die Signalpistole war immer in greifbarer Nähe.

Meine Gletschererfahrung ist zugegeben nahe Null. Aber dennoch behaupte ich ein gutes Gespür für verschiedene Situationen in der Natur zu haben. Dieser Teil war blankes Eis und somit wären mögliche Spalten gut sichtbar gewesen. Einer von uns beiden greift immer dann ein, wenn der andere gerade unvernünftig werden könnte und bremst somit ein wenig. Was ich jetzt sehr deutlich als Positiv empfinde, da es den Faktor Sicherheit erhöht. So zogen wir die Steigeisen an und weiter ging es einen kleinen Vorgeschmack bekamen wir hier schon einmal was uns auf einer späteren Tour noch so alles bevorstehen würde. Ein kleiner aber schneller und kurviger Gletscherfluss schliff einen Bobbahn in Richtung Tal. Gerade noch klein genug um hinüber zu springen, aber groß genug mit mitgerissen zu werden, wenn der Versuch schief ginge. Zunächst einmal wanderten wir ein paar Hundert Meter den Gletscher hinauf bis wir eine geeignete Stelle fanden. Dort angekommen Sprang ich zunächst einmal hinüber mit meinen Rucksack ohne Hunde. Was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Beim landen zog das Gewicht auf meinem Rücken nach hinten und ich wendete erhebliche Kraft auf um das Gleichgewicht zu waren und fiel dann aber glücklicherweise nach vorne auf harte Eis und nicht in den strömenden Fluss. Danach waren meine beiden Hunde dran. Danach halfen wir uns mit dem zweiten Rucksack und Kira und Momo.

Rebecca am Fuße des Gletscher, den wir ein Stück überquerten.

Am Ende der anderen Seite als wir wieder die Moränen betraten und das Eis auf dem wir ausrutschen konnten unter dem Geröll verschwand zogen wir die Steigeisen wieder aus kämpften uns zwischen Steinen Schlamm und kleinen Schneefeldern den Berg herunter zu einem länglich gezogenen See. An dessen Ufer tausende Fuß große kristallklare Eisstücke trieben und einen unvergesslichen Sound durch das aneinander schellen erzeugten. Ein Konzert mit tausenden gleich klingenden Instrumenten die die gleiche Melodie trillerten und das alles erzeugt nur durch Eis was im Wasser treibt und ein wenig Wind.

Der See endete in einem Fluss und am Rande wurde das Ufer immer steiler und steiler. Wir mussten feststellen wir nicht mehr weiter am Flussufer entlang wandern konnten, sondern am Steilhang entlang immer weiter Berg auf stiegen. Rebecca lief einige Meter hinter mir und teilte mir ihren Plan mit, den wir genau so umsetzten. Wir stiegen immer weiter Berg auf, bis wir zum Gipfel kamen und dann auf der Rückseite des Berges an einer flacheren Stelle wieder abzusteigen. Aber zunächst ging es erstmal immer weiter hoch. Es war einer dieser Momente in denen man nur im hier und jetzt ist zu 100 Prozent bei der Sache. Keinerlei andere Gedanken stören deine Aufmerksamkeit, denn dein tiefstes inneres Weiß ganz genau, das Ablenkung tödlich enden könnte. Links ging es erst 10,20,30 und dann später 90 Meter Geröll hinunter, gerade so steil das man sich vermutlich nicht mehr hätte fangen können. Unten dann der immer stärker werdende Fluss der auf die Distanz schon nicht beherrschbar aussah. (Es gibt leider keinerlei Bilder davon, da wir beide wirklich nicht an Bilder gedacht hatten) Irgendwann wurde der Steilhang flacher, wir konnten eine kurze Verschnaufpause einlegen. Am Grad des Berges stiegen wir weiter hoch, bis wir am höchsten Punkt angekommen waren. Von dort aus beurteilten wir die Lage neu und konnten zwei Seiten der Hölle sehen die Rechte und die geradeaus vor uns. Die Hölle wie wir Sie nannten waren die riesigen Moränen die sichtlich aus Schlamm und Steinen bestanden. So nass und undurchdringlich, das es bedrohlich und dumm gewesen wäre sich auf das Spiel einzulassen. Ja man kann wirklich sagen dumm. Es gab da nur eine mögliche Option über den Gletscher. Allerdings hatten wir zwar Steigeisen mit, aber nicht die nötige restliche Ausrüstung um in einer Seilschaft zu gehen. So beratschlagten wir in windiger Höhe im Zelt bei unserer warmen Lunch Mahlzeit.

Wie wir es nannten “die Hölle” ein riesiges Feld aus Moränen, Flüssen, Seen, Schlammlöchern und Gletscher.

Saifty first!!! Wir entschieden uns umzukehren, eine Harte Entscheidung, so kurz vorm Ziel zu scheitern. Aber war es ein scheitern? Schließlich hatten wir einer der schönsten Landschaften dieser Erde vor uns und wir hatten noch einiges vor auf dieser Reise. Über den Bergkamm konnten wir ins eines der Nachbartäler wandern, wo wir dann unser Camp aufschlugen. Am folgenden Morgen ging es weiter über ein anderes Tal wieder in Richtung Longyearbyen. Der Weg war Malerisch, das Gras so grün und Satt an Farben, das es kaum real erschien. Polarfüchse tauchten immer mal wieder am Horizont auf. In der letzten Nacht vor unserer Rückkehr wurde dies uns sogar etwas lästig, ein kleiner Polarfuchs ärgerte Taiga, indem er Nachts immer mal wieder auftauchte und die zum Bellen brachte. Was natürlich dazu führte, dass ich aufstand raus ging um zu schauen, was der Grund für Taigas bellen war. In der Nacht schliefen wir kaum. So müde wie wir waren schlenderten wir zum Camp zurück.

Dort eingetroffen erwartete uns eine Kühle Cola und ein paar Chips die wir uns gemütlich im Aufenthaltsraum des Campingplatzes reinzogen.